Durchhalten in ausweglosen Situationen

Vor fünf Jahren habe ich bei LinkedIn dieses Foto geteilt, was ich an der Schnellbahnstrecke Hamburg-Berlin aufgenommen hatte:

Gleisbaum

Ich nehme an, dass, falls im Bahnhof Büchen keine Gleisbettreinigung stattgefunden hat, die kleine Kiefer noch immer dort ausharrt.

Der Text zum Bild war: „Dieser Baum wächst im Gleisbett. Unten grün, oben zerfranst und angesengt. (…) Ist das ein Zeichen für Resilienz oder einfach tragisch? Und ist vielleicht der gesamte Resilienz-Ansatz in der Personalentwicklung fehlgeleitet? Kraftvolles Aushalten ist zwar eine notwendige Kunst, aber muss doch die Ausnahme bleiben, denke ich.“

Das Bild und meine Gedanken dazu haben mich seitdem innerlich begleitet – nicht zuletzt, weil ich beruflich viel mit Menschen zu tun habe, die sich in einer belastenden Situation befinden und währenddessen eine dieser drei Ideen entwickeln:

1) „Die Situation ist herausfordernd und in ihrer Unveränderlichkeit schwer zu ertragen. Ich muss aber durchhalten, anders geht es nicht.“

2) „Die Situation ist herausfordernd und in ihrer Unveränderlichkeit schwer zu ertragen. Ich würde ihr gerne entkommen, es geht aber nicht.“

3) „Die Situation ist herausfordernd und in ihrer Unveränderlichkeit schwer zu ertragen. Ich würde gerne etwas verändern, weiß aber nicht, wie. Ich muss es also weiter aushalten.“

Ich habe versäumt, die Kiefer zu fragen, welches ihr Satz ist. Meine Klientinnen und Klienten aber kann ich fragen und das tue ich natürlich auch. Ich lasse mich dabei gerne darauf ein, die Annahme der Unveränderlichkeit zu akzeptieren, denn eine schlechte Führungskraft, charakterlich herausfordernde Kolleginnen oder Kollegen, ein schwieriges Geschäftsumfeld oder eine scheinbar ewig fortdauernde Restrukturierung lassen sich nicht wegdiskutieren, und die Macht, hier positiven Einfluss zu nehmen, ist oft stark begrenzt. Ich bin jedoch immer interessiert zu erfahren, woher die Idee der Machtlosigkeit und der Anspruch, den Zustand weiter auszuhalten, kommen. Ich frage in etwa so:

Müssen Sie durchhalten oder welches dieser Verben träfe eventuell besser zu: sollenwollen oder können?“

„Warum lässt sich nichts ändern? Wer oder was hält Sie davon ab?“

„Wer oder was hält Sie davon ab, der Situation zu entkommen?“

„Können Sie mir den Zusammenhang erklären zwischen Ihrer eigenen Machtlosigkeit und Ihrer Idee, den Zustand weiter aushalten zu müssen?“

Diese Fragen helfen, die Hindernisse zu benennen und in der Folge zu prüfen, wie sie sich vielleicht beseitigen oder umschiffen lassen könnten. Häufig genannt werden diese Aspekte:

Entscheidungen von Führungskräften, statische Sachverhalte, komplexe Prozesse, (zu) viele Beteiligte, menschliche Widersacher, mangelnde Gestaltungsmacht, Resignation aber auch erwartbar negative Auswirkungen bestimmter Handlungsoptionen, eigene Unsicherheit oder Verzagtheit, Ideenlosigkeit.

Meine Fragen zur Erkundung des Problems können trotz ihrer sinnvollen Perspektive selbstverständlich auch als unempathisch oder sogar herablassend kritischwahrgenommen werden. Nicht nur deshalb stelle ich gerne Fragen, die nach Möglichkeiten suchen lassen:

„Was ist an dem Platz mitsamt seinen Aufgaben, an dem Sie sich gerade befinden, so wertvoll, dass Sie bereit sind, so viel Verdruss auf sich zu nehmen?

„Welche andere Einstellung zur Problematik könnten Sie auch entwickeln?“

„Welche Möglichkeiten, sich aus der Situation zu befreien, können Sie sich vorstellen? Welcher Preis und welche Risiken wären dabei zu bedenken? Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte?“

„Was haben Sie schon alles versucht? Woran sind Sie gescheitert? Was ließe sich eventuell anders machen? Wer könnte Ihnen zur Seite stehen?“

Der Dreischritt aus der Betrachtung der Hindernisse, der Suche einer neuen Sichtweise und neuen Ansätzen in Haltung, Empfindung oder Handlung sowie der Benennung von Gelingensbedingungen hierfür ermöglicht den meisten meiner Klientinnen und Klienten, vom Aushalten und Dulden wieder ins Handeln zu kommen.

Ich denke, dass kein Mensch vollkommen hilflos ist. Im Gegensatz zur Kiefer können wir aus dem Gleis heraustreten und uns einen sicheren Platz suchen, an dem wir unsere Zweige ausbreiten und Blüten hervorbringen können.