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Tipp: Artikel von Wolf Peter Klein

Sehr interessanter und gut geschriebener Artikel von Wolf Peter Klein über ein Phänomen der gegenwärtigen Sprachentwicklung, das sicherlich jedem von uns schon einmal begegnet ist: der Genitiv-Apostroph.
Viel Vernügen beim Lesen! 🙂

Zur Linguistik des Genitiv-Apostrophs
Kalb’s Leber ist eben frühneuhochdeutsch

Wenn Zettel’s Traum in Cindy’s Grill geträumt wird: Über nichts wird mehr sprachkritischer Hohn ausgeschüttet als über den Genitiv-Apostroph. Zur Linguistik eines gefährlichen Schriftzeichen’s.

Kein Schriftzeichen ist gefährlicher als der Apostroph. Das beginnt schon bei der Frage nach dem Artikel: Der oder das Apostroph? In der Schule mussten wir das Apostroph sagen. Die Mehrheit neigt heutzutage zum maskulinen Genus. Spezielle Gefahren lauern dann bei der Nutzung des Zeichens. Wird es abweichend von den üblichen Mustern verwendet, droht eine besonders heftige Form der Sprachdenunziation. Ganze Internetseiten widmen sich inzwischen der Verfolgung unüblicher Apostrophe. Sie finden sich in der Apostroph-Gruselgalerie, auf der Apostroph-Hass-Seite oder im Kapostropheum und dokumentieren – Apostrophenalarm! – den Deppen- beziehungsweise Idioten-Apostroph, gerne mit Bildern von den authentischen Schauplätzen der Vergehen, also etwa Ladenschildern, Speisekarten und Websites.
Das analytische Potential dieser Dokumentationen ist normalerweise beschränkt. Die fraglichen Apostrophgebräuche seien falsch, die jeweiligen Schreiber blöd. Die Dokumentare werden mithin zu Rettern in großer Not, oft grimmig und unerbittlich, wie es sich für Heilsbringer in apokalyptischen Szenarien gehört. Ganz anders hat man sich in der Sprachwissenschaft in letzter Zeit mit den beobachtbaren Apostrophschreibungen beschäftigt (Carmen Scherer: „Kalb’s Leber und Dienstag’s Schnitzeltag: Zur funktionalen Ausdifferenzierung des Apostrophs im Deutschen“, in: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 32, 1: 2013).

Als Auslassungszeichen
Da ist zunächst die Frage, ob es sich bei der gegenwärtigen Gebrauchsvielfalt um eine sprachhistorische Innovation handelt. Man muss das in den meisten Punkten verneinen. Nachdrücklich wurde der Apostroph im siebzehnten Jahrhundert in die deutsche Rechtschreibung eingeführt. Dichter nutzten ihn, um vom Normalfall abweichende Wortformen zu verschriftlichen: Mein’ Angst statt Meine Angst. Nur so stimmte das Versmaß.
Aus solchen Formen resultierte die Redeweise, dass Apostrophe Auslassungen kennzeichnen, zunächst aber eben nur in Versen. Schon im achtzehnten, verstärkt dann im neunzehnten Jahrhundert, ergaben sich Übertragungen auf andere Fälle. Vor allem bei Eigennamen und Toponymen findet man Genitive (Bismarck’s, Mauern Jerusalem’s). Sie wurden sodann gelegentlich auf normale Appellativa übertragen. Schlegel schrieb einen Brief Anfang Mai’s, Fontane wandte sich an den Redakteur des Kunstblatt’s. Etwas später kamen dann noch zwei weitere wichtige Gebrauchsdomänen hinzu, nämlich Abkürzungen und Fremdwörter (des PKW’s, A’s Buch, auf Trainer’s Geheiß).

Zum Schutz vor Missverständnissen
Auch die Übertragung der Apostrophschreibung auf Pluralformen ist alles andere als eine neue Erscheinung. Fontane schrieb bereits über moderne Sopha’s. Grammatiker des neunzehnten Jahrhunderts notierten bei ihren Zeitgenossen Formen wie Trio’s und Tempo’s. Mit dieser kleinen Typologie liegen nun wesentliche Eckpunkte des Apostrophgebrauchs zutage: Strukturell geht es vor allem um den Apostroph vor s. Andere abgetrennte Einheiten kommen zwar – selten – vor, zum Beispiel Nudel’n, besitzen für die Gegenwartssprache aber kein Entwicklungspotential. Ferner tummeln sich die abweichenden Apostrophe oft bei besonderen nominalen Wortklassen, die keine prototypischen Substantive darstellen und ohnehin über Eigentümlichkeiten verfügen: Eigennamen, Fremdwörter, Abkürzungswörter. Auch die nur vereinzelten abweichenden Apostrophschreibungen in anderen Wortarten passen in dieses Muster.
So findet man in der Adjektivflexion zum Beispiel am cool’sten und in der Verbflexion den Infinitiv backup’en. Besonders die Verwendung der Apostrophe bei Abkürzungen und Fremdwörtern weist darauf hin, dass die Sprecher mit diesen Verschriftlichungen Wörter, deren Verständnis Probleme schaffen könnte, vor Missverständnissen bewahren wollen. Wer das Wort Trio nicht kennt, steht auch in der Gefahr, die Hinzufügung eines bloßen s nicht als Pluralzeichen zu verstehen, also schreibt man lieber Trio’s statt Trios. Und wer zumindest klarmachen möchte, dass mehrere Computer gemeint sind, schreibt lieber PC’s als PCs oder gar PCS.

Die Schreiber denken an die Leser
Sprachwissenschaftlich gesprochen, sollen mit den abweichenden Apostrophschreibungen demnach die morphologischen Gliederungen der Wörter, also ihre Einteilungen in grundlegende Bedeutungselemente, deutlich gemacht werden. Die Schreiber denken an die Leser.
Für die Schreibung einer Sprache zweifelsohne ein sinnvoller Vorgang. Damit wird auch ein Entwicklungsmuster gestärkt, das die Verschriftlichung des Deutschen in den letzten Jahrhunderten entscheidend geprägt hat, nämlich das sogenannte morphologische Prinzip.

Auf der konservativen Seite der Sprachentwicklung
Die Entwicklung der Apostrophschreibung steht also mittlerweile nicht mehr nur unter dem Prinzip der Schreibung von lautlichen Auslassungen. Sie erfolgt zunehmend im Zeichen morphologischer Bedingungen. Das stimmt mit den treibenden Entwicklungstendenzen des geschriebenen Deutschs überein. Allerdings fügen sich nicht alle abweichenden Apostrophschreibungen wirklich problemlos in diesen Interpretationsrahmen. Wer etwa statt abends abend’s, statt namens und dienstags nun namen’s und dienstag’s schriebe oder sich gar zu einer Orthographie wie Anfahrt’s Weg hinreißen lässt, betont auch die jeweiligen morphologischen Segmente, allerdings ohne recht erkennbaren funktionalen Mehrwert.
Bei dem Kompositum befinden sich solche Schreiber zudem eher auf der konservativen als auf der progressiven Seite der deutschen Sprachentwicklung. Bis zum siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurden noch sehr viele Wortzusammensetzungen – oder sprachliche Einheiten, die auf dem Weg dahin waren – eher auseinander als zusammen geschrieben: Gottes Eifer statt Gotteseifer, Der Sonnen Schein statt Der Sonnenschein. Wer Kalb’s Leber schreibt, will womöglich zurück zum guten, alten Frühneuhochdeutsch?

Wir benötigen mehr Verständnis
Er macht jedenfalls Prozesse der Zusammenschreibung von Wortbildungen rückgängig, die dadurch wieder eine altertümliche, durch Spatien dominierte Schriftgestalt bekommen. Die größte offene Frage der Apostrophschreibung wurde freilich noch gar nicht richtig in den Blick genommen. Woher kommt eigentlich das offensichtlich besonders hohe Denunziationspotential der nichtstandardgemäßen Apostrophschreibungen?
Wenn man es auch als Aufgabe der Sprachwissenschaft ansieht, die Muster und Formen der öffentlichen Sprachdiskussion unter die Lupe zu nehmen, so hat man hier ein großes Betätigungsfeld. Was prädestiniert also die Apostrophschreibungen im Gegensatz zu den vielen anderen nichtstandardgemäßen Verschriftlichungen des Deutschen zu den harschen Verdammungsurteilen, wie man sie auf den Apostroph-Hass-Seiten oder bei sogenannten Sprachkritikern zuhauf findet? Warum tobt sich gerade auf diesem Feld arrogante Besserwisserei derart offen, ungeschützt und oberflächlich aus? Kurzum: Was macht den Apostroph zu einem solch gefährlichen Schriftzeichen, dessen Setzung möglicherweise schon den Erfolg von Bewerbungen vereitelt oder ein vernünftiges Miteinander von Menschen mit unterschiedlichen Bildungshintergründen verhindert hat? Auch für derlei Fragen benötigen wir, wie für die abweichenden Schreibungen an und für sich, mehr Verständnis, und zwar nicht im moralischen Sinn, sondern mit analytischer Intention. Es geht einfach darum zu verstehen, was vor sich geht.

Quelle: Klein, Wolf Peter: Zur Linguistik des Genitiv-Apostrophs. Kalb’s Leber ist eben frühneuhochdeutsch. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/zur-linguistik-des-genitiv-apostrophs-kalb-s-leber-ist-eben-fruehneuhochdeutsch-12740122.html (13.01.2014).

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