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Versprecher – Scrabble für Zuhörer

von Karin Saal

Ein Bekannter berichtete kürzlich im Rahmen von freudschen Versprechern über ein Telefongespräch mit seiner Vorgesetzten. Die Chefin begann mit dem Satz:

„Ich rufe dich betrü/ äh bezüglich der Vorstandsentscheidung an.“

Seine Frage: Was kann man aus diesem Versprecher alles heraushören?

Schritt 1: Zunächst einmal kann man sich fragen, welches Wort wohl ursprünglich im Kopf der Chefin herumschwirrte, d.h. wie ließe sich weiter scrabbeln? /betrü/ = Betrüblich? Betrügen?

Schritt 2: Kann es ein zufälliger, „einfacher“ Versprecher sein?
Eher unwahrscheinlich, dafür unterscheiden sich die Wortanfänge /betrü/ und /bezü/ zu sehr voneinander. Dies lässt sich insbesondere in der Entstehung ihrer Laute im Gaumenbereich feststellen.

Wir haben deshalb genauer nachgeschaut:
Bei dem Laut /tr/, wie im zunächst angefangenem Wort /betrü/, handelt es sich um eine Lautverbindung von Plosiv und Vibranten, die insgesamt eher im hinteren Gaumenbereich entsteht.
/tz/ wie im Wortanfang /bezü/ ist eine Lautverbindung von Plosiv und Frikativ und wird im vorderen Gaumenbereich gebildet.
Soviel zur Theorie.
In der Praxis ist es viel einfacher; probieren Sie es doch selbst einmal aus: Einfach die Wortanfänge /betrü/ und /bezü/ laut vor sich hin sagen und genau darauf achten, was im Mund geschieht.
/betrü/ lässt den Kehlkopf vibrieren und man spürt den Laut im hinteren Teil des Gaumens, die Zunge liegt ebenfalls im hinterem Gaumenbereich.
Bei /bezü/ hingegen liegt die Zunge vorne hinter den Zähnen, die Luft entweicht so durch eine Engstelle vor bzw. hinter den Zähnen, dabei entsteht ein so genannter Zischlaut.
Man sieht also: Die Laute entstehen in unterschiedlichen Bereichen des Mundes. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Versprecher wie im vorliegenden Fall rein zufällig einsteht, ist daher eher gering. Viel größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Sprecherin ursprünglich ein anderes Wort gedacht hat, welches ihr somit im wahrsten Sinne des Wortes schon auf der Zunge lag und zu ihrem Versprecher führte.

Auch der weitere Gesprächsverlauf ist interessant. Sagt die Chefin zunächst, alles sei gut, es wäre eine tolle Lösung gefunden worden und ähnliches, schließt sie dennoch mit dem in aufmunternden Ton gesprochenen Satz: „Das kriegen wir schon hin.“ Bleibt die Frage: Was muss denn „hingekriegt“ werden, wenn doch schon alles gut und eine optimale Lösung gefunden ist?

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